L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Das Elend der Grünen

Die Tage hat Präsident Barack Obama in den USA die blockierenden Beschränkungen bzgl. staatlicher Finanzierung der embryonalen Stammzellenforschung abgeschafft. Wohl kann völlig zurecht darüber gestritten werden, ob entsprechende Forschungsprojekte überhaupt staatlich finanziert werden sollten, wo sich doch sicher hierfür auch genug private Geldgeber finden lassen sollten, die religiöse Rechte erzürnt jedoch vielmehr, dass solche Forschung überhaupt erlaubt ist und dem lieben Gott ins Handwerk gepfuscht wird.

Doch wie sieht es eigentlich hierzulande und in Europa allgemein bzgl. Stammzellenforschung aus ? In Luxemburg gibt es bisher keine gesetzliche Regelung (vermutlich weil es bei uns nicht mal Forschung in diesem Bereich gibt oder gar nur angestrebt wird, man möge mich bitte korrigieren, falls ich hier irren sollte), in Polen und Irland gelten strikte Verbote, während Länder wie Frankreich, die Niederlande und Großbritannien die Forschung erlauben. In Deutschland darf ebenfalls geforscht werden, allerdings nur mit importierten, vor 2002 gewonnen Stammzellen. Wer sich mal ansieht, welche Parteien der Stammzellenforschung gegenüber besonders kritisch eingestellt sind, findet dabei zu seinem Erstaunen auch die Grünen, die in Deutschland bereits 2003 Schröder und Zypries ausbremsten.

Nun ist es zwar gewusst, dass die Grünen längst kein Zirkel reiner Atheisten und Agnostiker mehr sind, falls sie dies überhaupt je waren, aber ihre Argumente sind schon sehr erstaunlich und so eher auf einem Parteitag der Union oder gleich der PBC zu erwarten. So meinte Volker Beck unter Zustimmung vieler Parteigenossen eben 2003:

„Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt die individuelle Existenz des Menschen. Hier muss auch die Unantastbarkeit seiner Würde beginnen.“

Redet hier wirklich Volker Beck und nicht der Papst ? Sind es nicht immer wieder Christen, die seit Jahrzenten darauf bestehen, dass das menschliche Leben sofort nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginne und ab diesem Moment, selbst durch staatliche Gewalt, schützenswert sei ? Ist das jetzt nicht die gleiche Begründung, mit der Abtreibungsgegner den Schwangerschaftsabbruch verbieten lassen wollen ? Eben, ja doch. Nun haben jedoch gerade die Grünen als feministische Partei stets auf das Recht der Frau mindestens bis zum dritten Monat abtreiben zu dürfen, bestanden. Mehr Freiheit konstatiert hierzu logisch völlig korrekt:

„Wer den Fötus zur Abtreibung freigibt, kann nicht gleichzeitig seine Vorstufe, den Embryo, schützen, ohne in einen unauflösbaren Widerspruch zu geraten. Oder umgekehrt formuliert: wer glaubt, daß bereits der Embryo schützenswertes menschliches Leben darstellt, der kann logischerweise dem Fötus als nächster Entwicklungsstufe den Menschenstatus nicht vorenthalten.

Die herrschende Rechtslage, in der das Embryonenschutzgesetz eine Vorstufe des menschlichen Lebens schützt, der reformierte § 218 des Strafgesetzbuches aber die Tötung des sich daraus entwickelnden Menschens erlaubt, ist äußerst widersprüchlich. Hier werden Rechtsauffassungen vertreten, die sich gegenseitig ausschließen. Es gibt keine Rechtssystematik, sondern nur die Willkür der Politiker. Diese Politik trägt psychopathologische Züge.“

In der Tat offenbaren Leute wie Volker Beck hier erschreckende logische Mängel und inkonsistentes Denken. Nun mag der eine oder andere Leser vielleicht denken, dass bei einem Schwangerschaftsabbruch ja schließlich das Recht der Frau auf ihr eigenes Leben bzw. ihre Freiheit gegen das Recht des Fötus auf Leben abgewogen werden muß, doch was ist mit dem Recht schwer kranker Menschen auf ein Weiterleben ? Die Stammzellenforschung könnte mittel- bis langfristig völlig neue Möglichkeiten zur Bekämpfung von Erkrankungen des Zentralnervensystems (ALS, MS, Parkinson), Rekonstruktion beschädigter Organe oder auch gegen Diabetes oder Herzinfarkte hervorbringen. Sind solche großen Chancen es wirklich nicht wert, ein paar unbedeutende Stammzellen hier und heute dafür zu „opfern“ ?

Der tiefgläubige Christ meint „Nein“, weil Gottes Werk ihm heilig ist. Der Durchschnitts-Grüne, sofern er nicht selber auch Christ ist, meint in etwa „Vorsicht, menschliches Leben ! Wer weiss, welche Konsequenzen es hat, in das Werk von Mutter Natur einzugreifen.“ Nun ist es sicherlich richtig, gerade auch als Wissenschaftler, sich stets ethische Fragen zu stellen und nicht blind jede Entwicklung als „auf jeden Fall positiv“ durchzupauken, jedoch mutet die m.E. große Ängstlichkeit der Grünen vor Fortschritt und Technik und die Demut vor der Natur doch längst recht seltsam an. Stets werden mehr mögliche Gefahren als mögliche Chancen gesehen. Dies ist allerdings nicht mal wirklich neu bei den Grünen. So standen sie anfangs auch der Computerrevolution kritisch gegenüber und warnen heute halt vor Genfood oder eben vor der Stammzellenforschung, wo gerade Deutschland im internationalen Vergleich zum Hinterherhinken verurteilt wird.

Dem zugrunde liegt m.E. eine Art Naturreligion. Die Grünen huldigen der Natur und sehen mehr oder weniger den Menschen und seine Technik als eine Bedrohung für dieselbe. Der Mensch, der noch Gaia so erzürnt, dass sie sich rächt und es den Menschen so ergeht wie den Dinosauriern. Eine längst sehr populäre Angst in breiten Teilen der Bevölkerung, die auch den letzten, eher mässigen Film von Night Shyamalan, The Happening, inspirierte. Natur und Technik als feindliche Antagonisten, der Mensch als verlorenes Wesen, welches zurück zum Einklang mit der Natur finden muss, eine traurige Ansicht.

In der Tat fürchten sich heute viele Menschen vor der Rache der Natur und bei jeder Naturkatastrophe (Tsunami, Erdbeben, Überschwemmungen …) wird gerne im Anschluß der mahnende Finger erhoben, sei es wegen den CO2-Emissionen, sei es wegen der Gentechnologie, sei es wegen des Atommülls (bei dem es in der Tat das große Problem der Endlagerung gibt) oder sonstwas. An allem ist der Mensch schuld. Würde der Mensch nicht oder weniger in die Natur eingreifen und ihr seinen Stempel aufdrücken, würde uns das erspart bleiben. Wer dies jedoch konsequent zu Ende denkt, müsste eine Rückkehr in die Urzeit propagieren.

Greift der Mensch etwa nicht in die Natur ein, wenn er kranke Menschen mit Penicillin rettet ? Was tun Ärzte und Chirurgen überhaupt denn Anderes als den natürlichen Kreislauf von Leben und Tod zu verlängern, ergo in die Natur einzugreifen ? Biolandbau greift im übrigen auch massiv in die Natur ein. Eine ähnliche Argumentation liefert der Protagonist in Homo Faber von Max Frisch zur Verteidigung eines Schwangerschaftsabbruchs. (Ich erinnere mich vage daran in meiner noch recht unpolitischen Schulzeit seiner Logik damals zugestimmt zu haben im Gegensatz zu meiner Lehrerin. Zugegeben, in diesem spezifischen Falle hinkt die Argumentation, wenn man den Fötus bereits als eigenes Lebewesen mit Grundrechten ansieht, was ich jedoch ehrlich gesagt nicht tue.)

Natürlich muss genau überlegt werden was erlaubt werden sollte, Umwelt- und Naturverschmutzung kann im Interesse niemandes sein, jedoch sollte möglichst ideologiefrei und streng rational erforscht werden, welche Vorgänge überhaupt schädlich sein könnten und welche nicht, eine fortschrittspessimistische oder gar gleich dogmatische Anti-Haltung wie die vieler Grünen, die oft irresistent gegenüber späteren, empirisch nachgewiesenen Fakten bleiben und sinnvollen Fortschritt aufgrund diffuser Emotionen blockieren, ist völlig kontraproduktiv und wider die Aufklärung. Dass in konkreten Fällen oft zwischen verschiedenen Rechtsgütern abgewogen werden muss, ist natürlich ebenfalls klar in einer Demokratie.

Zu oft dominiert aber bei den Grünen die Angst vor der Hoffnung, zu oft die Ideologie über das freie Denken, zu oft (Aber-)Glauben und Mystizismus über Aufklärung. An der Basis wuchern längst die wildesten Strömungen. Buddhismus, Steiners von krudem Rassismus durchsetzte Anthroposophie, Esoterik und New Age erfreuen sich wachsender Beliebtheit beim müsliessenden Räucherstäbchenliebhaber, Homöopathie, diverse Heilskräuter oder gar gleich Schamanismus wie die Neue Germanische Medizin werden ernsthaft als Alternative zur Schulmedizin betrachtet, vor lebenswichtigen Impfungen, vor allem an Kindern, wird gewarnt, nur Bio-Produkte sind gesund (wo bleiben die Beweise für die Minderwertigkeit herkömmlicher Produkte?) usw. (Ein Extrembeispiel für dererlei Quatsch wäre sicherlich Nina Hagen.)

An der Spitze der Grünen sind die Leute zwar noch nicht einem derartig radikalen Anti-Aufklärungswahnsinn verfallen, doch ist auch hier einiges in Zweifel zu ziehen. So wird längst einem quasi-religiösen Ökologismus gehuldigt, der jeden Tag aufs Neueste bedrohliche Zukunftsszenarien an die Wand malt. Die Klimakatastrophe hat das Ozonloch und das Waldsterben verdrängt und verlangt nun seinerseits allerhand Tribut vom Steuerzahler und Verzicht vom Bürger, die drohende Apokalypse muss schließlich wieder mal aufgehalten werden.

Aussenpolitisch werden nicht selten die USA und Israel für alles Üble dieser Welt verantwortlich gemacht. So hat Claude Turmes, der luxemburgische EU-Abgeordnete, während des Gaza-Einsatzes an einer recht einseitigen Friedensdemonstration teilgenommen, auf der sogar ausgewiesene Antizionisten wie Stalinist Ruckert oder der Ex-Botschafter Bremer sprachen.

Bezeichnend auch die Rolle der Grünen im Tibet-Konflikt. Die chinesischen Menschenrechtsverletzungen zu kritisieren und dagegen zu demonstrieren, ist eine vollkommen berechtigte Sache, die Sympathie vieler Grüner wie auch sonstiger Linker für ein „freies Tibet“ unter Dalai Lama jedoch mehr als suspekt. Seit wann begeistert sich eine von der Basisdemokratie begeisterte Partei, die anfangs Ideen wie imperatives Mandat und Rotationsprinzip vertrat, sich plötzlich für ein politisches Kastensystem mit einem religiösen, wenn nicht bereits klerikalfaschistischen Führer, der wenig von der Trennung von Staat und Religion hält? Wieso wird mit zweierlei Maß gemessen, denn der Papst und die römisch-katholische Kirche werden für jede, echte oder auch nur vermeintliche, Missetat gleich äusserst scharf attackiert?

Aus dem berechtigten Kampf für die Emanzipation der Frau wurde ein sexistisch anmutender Kampf für paternalistische Gebote wie Frauenquoten und sog. Antidiskriminierungsgesetze, von autoritären Gender-Mainstreaming-Programmen Brüsseler Bürokraten ganz zu schweigen.

All dies sind Sachen, die einfach aus liberaler Sicht an den Grünen kritisiert werden müssen. Sicherlich gibt es auch innerhalb der Grünen wie innerhalb jeder Partei wohl auch noch genug vernünftige Leute und manche Vorschläge der Grünen in Luxemburg haben auch nach wie vor meinen Segen und meine Sympathie (Komplette Trennung von Kirche und Staat, liberale Drogenpolitik inklusive Legalisierung von Cannabis, Kampf für die Gleichberechtigung anderer Lebensmodelle wie nur der heterosexuellen, monogamen Ehe, das Selbstbestimmungsrecht des Individuums bzgl. seines eigenen Lebensendes), aber insgesamt habe ich mich in den letzten Jahren innerlich soooooooo weit von den Grünen entfernt, dass ich sie heute im Gegensatz zu meiner Studienzeit längst nicht mehr wählen kann und auch will.

Sage hiermit also nun klar und deutlich: „Äddi, méng gréng Frënn !“

März 13, 2009 - Posted by | Ökologismus | , , ,

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