L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Gedanken zum Tag

Wenn man sich die verschiedensten Blog-Einträge anschaut, fällt vor allem bei jungen Bloggern eine reflexartige Reaktion auf: „Hände weg von unseren Videospielen!“. Nun ist an dieser Einstellung grundsätzlich nichts auszusetzen – außer vielleicht, dass niemals bei vorherigen, ähnlich gelagerten, Geschehnissen so differenziert über Videospiele, Waffenbesitz und Psychologie gesprochen wurde, wie dieses Mal.

Die üblichen Besserwisser der letzten Jahre werden plötzlich ganz kleinlaut, allen voran Ministerin von der Leyen, welche noch 2006 alles besser wusste (und sogar Gesetze forderte, die es bereits gab) und jetzt zugeben musste, dass die Ursachen noch untersucht werden müssten. Beckstein und Schäuble wollen natürlich wieder alles verbieten, was ihnen gerade nicht in den Kram passt, aber auf solche Gesellen hört wohl keiner mehr.
Nach den Amokläufen von 2002 und 2006 wurden die Waffengesetze verschärft und die Jugendschutzgesetze geändert, was auch eine stärkere Kontrolle von Videospielen mit sich brachte. Dass nun nach weiteren Verschärfungen gerufen wird, mag von den Emotionen her verständlich sein, doch bergen gerade Emotionen eine Gefahr der Überregulierung. Und dort trifft der aktuelle Fall, die Wirtschaftskrise und überhaupt das Bestreben nach gesellschaftlicher Kontrolle aufeinander.
Junge Blogger, welche zwar die Videogames behalten wollen, fordern im gleichem Atemzug das gänzliche Verbot von Waffen. Doch mit welcher Grundlage? Das Argument, dass der Staat nicht gewaltvolle Filme und Videospiele verbieten dürfe, weil der Erwachsene Mensch selbst entscheiden solle, mit was er sich auseinandersetzt, gilt auch für Waffen und beispielsweise Drogen.
Als ich gestern Nachmittag die Berichte über den Amoklauf im „Deutschlandfunk“ und „Deutschlandradio Kultur“ hörte, kamen dort auch Anrufer zum Zuge. Die Aussagen stimmten nicht glücklich, es wurde der Materialismus der jungen Menschen moniert, ein anderer wollte den Glauben im Alltag zurück. Gänzliches Verbot von Waffen in Privathäusern. Ähnlichen Mechanismen folgte schon das Rauchverbot, Finanzmarktregulierung, demnächst das Alkohol- und Zuckerverbot? Ist der intellektuelle Diskurs tatsächlich nicht mehr vom Stammtischgespräch zu unterscheiden?

So tragisch die aktuellen Geschehnisse sind, hüten wir uns zu überreagieren. Das Thema der Rechtseinschränkungen wegen Terrorismus wird zurecht kritisiert, warum aber lassen sich viele Menschen von solchen Ereignissen Angst einjagen, so sehr, dass sie hier bereit sind sich und andere einzuschränken, Rechte zu beschneiden und willkürlich Gesetze zu unterstützen?
Dass sich Probleme wie Mobbing und Ausgrenzung nicht mit Verboten belegen lassen sollte jedem klar sein. Dass sich so was nie verhindern lassen wird wohl leider auch. Ebenso Amokläufe. Es sei denn, es werden totalitäre Rahmen geschaffen, nur so wird alles schön regulierbar. Das will zwar niemand, aber wir bewegen uns scheibchenweise dahin, wenn wir Emotionen weiterhin solchen Raum lassen.
In der Sendung „Hart aber fair“ wurde ein echt geschmackloses Youtube-Video eines Rappers gezeigt, der ein seinem Text über die Schönheit von School-Shootings sinniert. Dort, so der anwesende CDU-Mann Bosbach, höre die Meinungsfreiheit auf und das müsse strafrechtlich verfolgt werden. Das Rap-Lied war geschmacklos und dumm, sicherlich. Aber dort die Meinungsfreiheit einschränken? Wer definiert das? Und was dürfe dann in Zukunft nicht mehr als Meinungsfreiheit durchgehen? Kritik an Religionen? An der CDU? Das ist Populismus pur.

An dieser Stelle sollen keine Lösungsvorschläge gemacht werden, wie die Gefahr von Amokläufen dezimiert werden kann. Das überlasse ich Experten, Labertaschen, Politikern und Bloggern. Doch sollten wir ganz allgemein mal etwas am gängigen Menschenbild ändern. Wo der Mensch nur als Nummer wahrgenommen wird, als Opfer eines abstrakten Systems, kann er nicht über sich hinauswachsen. Wo er von der Biologie zu einem Zellhaufen degradiert wird, in der Religion zu einem Geknechteten, im Kommunismus zu einem anonymen Rädchen im System, wird er niemals seinen eigenen Wert und seine Möglichkeiten erkennen. Nur der Mensch, der seine Freiheit erkennt und für diese kämpft, wird die Welt verändern. Nicht die Gegenseite.

„Gebt dem Menschen theoretische Achtung vor sich selbst, die praktische wird sobald nachfolgen.“ (Schelling)

März 12, 2009 - Posted by | Offene Gesellschaft | ,

3 Kommentare »

  1. Très bien.

    Kommentar von nestor76 | März 13, 2009

  2. „im Kommunismus zu einem anonymen Rädchen im System“
    Du meinst doch wohl hoffentlich auch Kapitalismus?😉

    Kommentar von Joël | März 13, 2009

  3. Joël: „Du meinst doch wohl hoffentlich auch Kapitalismus?“

    Nö.
    (Wenn wir uns demnächst wieder mal über den Weg laufen, erkläre ich dir gerne warum, denn was wir im Moment haben ist alles andere als freier Kapitalismus, wie ich und andere ihn mir vorstelle.)

    Kommentar von JayJay | März 13, 2009


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