L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Die etwas andere Schulreform

Erste Erfahrungen mit Schulreformen machte ich Ende der 60ger Jahren als Lyzeumsschüler. Auf den Weg waren sie vom damaligen Erziehungsminister, meinem späteren Kollegen im Staatsrat, Jean Dupong, gebracht worden. Seitdem jagt eine Reform die andere, mit mehr oder weniger Gerangel und Protesten, wobei die jeweilig neue Reform eigentlich nur beweist, dass die kurzzeitig vorangegangene doch nicht der große Wurf war.

Als das große wegweisende Schulgesetz schlechthin, wird jedoch das Gesetz von 1881 angesehen. Zu diesem Meilenstein in der Geschichte des Luxemburger Schulwesens schrieb hundert Jahre später der eifrige“ journal“ Mitarbeiter (Lehrer im Hauptberuf) Roger Spautz in einer hundertseitigen Festschrift:

„Zu den wenigen einheimischen Staatsmännern, denen man ehrliche Pionierarbeit auf dem Gebiet des Schulwesens bescheinigen kann, gehört an erster Stelle Henri Kirpach, der, in seiner Eigenschaft als General-Direktor (Minister) des Inneren und des Unterrichts, im Jahre 1881 den wirklich heldenhaften Mut aufbrachte, ein Schulgesetz zu entwerfen und durchzusetzen, das mit Tabus aufräumte, an denen zu rütteln bis dahin niemand gewagt hatte.
Zwei große Schwerpunkte charakterisieren dieses Schulgesetz:
– Allgemeine Schulpflicht für alle Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren;
– Abschaffung des klerikalen Kontrollrechts über Lehrer und Schulen.“

Wenn heute kurzatmige Schulreformen inflationären Charakter annehmen, stellt sich vielleicht die Frage, ob nicht erneut, die Zeit reif ist für jemand der „den wirklich heldenhaften Mut aufbringt, ein Schulgesetz zu entwerfen und durchzusetzen, das mit Tabus aufräumt, an denen zu rütteln bis dahin seit Generationen niemand gewagt hat.“

Hatte es vor mehr als 130 Jahren heldenhaften Mut gebraucht die Vormachtstellung der Kirche im Schulwesen zurückzuschneiden, bräuchte es heute ebensolchen Mut die zwischenzeitlich erworbene Monopolstellung des Staates zurückzudrängen. Vielleicht darf man auch die damals staatlich verordnete Schulpflicht in Frage stellen. Immerhin steht nach der Abschaffung der Wehrpflicht im Jahre 1967, die Schulpflicht für einen Lebensabschnitt von über zehn Jahren, für den der Staat die Lufthoheit über das Leben der jungen Menschen beansprucht. Es handelt sich quasi um eine mehr als zehnjährige Zwangsrekrutierung von Menschen in eine staatliche Anstalt, welche das von Liberalen hochzuhaltende Selbstbestimmungsrecht zutiefst verletzt. Daran ändert die Tatsache, dass diese Zwangsmaßnahme in guter Absicht und zum „Nutzen“ des Einzelnen getroffen wurde eigentlich nichts.

Bildung ist unbestreitbar ein hoch zu schätzendes und erstrebenswertes Gut, welches man sich jedoch erarbeiten und erwerben muss. Es sollte dem Einzelnen nicht als Pflicht aufgebürdet werden, eine Schikane die er erleiden muss, sondern als Chance angeboten werden. Nur so wird es vom Betroffenen geschätzt und mit dem nötigen Respekt behandelt.

„Bildung ist eine Investition in aktuelles und künftiges Humankapital, und dieses ist wiederum ein Schlüsselbereich der Produktivitätszunahme und des allgemeinen Wohlstands. Bildung ist ein entscheidender zivilisatorischer Entwicklungsfaktor. Man nennt sie mit guten Gründen ein „öffentliches Gut“. Das heißt aber nicht, dass man sie deswegen vorwiegend aus öffentlichen Mitteln finanzieren müsste. Im Gegenteil, man sollte sie aus dem Teufelskreis des Schuldenmacherstaates herausführen und den Impulsen einer offenen Zivilgesellschaft aussetzen! Denn der Staat hat sich bisher in allen innovationsbedürftigen Produktionsbereichen auf die Dauer als relativ unfähig und rückständig erwiesen. Die Bildung ist eine zu wichtige Sache, als dass man sie dem Staat und seinen Bildungsfunktionären überlassen dürfte. Auch Bildung muss so direkt wie möglich der Privatautonomie, das heißt einem auf Privateigentum, Familie, Vertrag und Haftung basierenden und generationenübergreifenden Anreiz- und Lernsystem von Angebot und Nachfrage ausgesetzt werden.
Es gehört zu den Paradoxien des 20. Jahrhunderts, dass man die Lehren aus dem offensichtlichen Versagen aller Formen der Zentralverwaltungswirtschaft nur sehr selektiv gezogen hat. Die Produktion und der Konsum von Waren und ausgewählten Dienstleistungen werden zwar dem Markt überlassen. Aber in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Arbeit, Kommunikation und zunehmend auch in der Kultur glaubt man vor allem in Europa noch fest an die segensreiche Auswirkung des staatlichen Zwangs und der bürokratischen Top-down-Planung durch selbsternannte Fachleute. Beharrlich hält man an Misch- und Misssystemen fest, die ausgerechnet in den entscheidenden Wachstumsbereichen der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung ihre eigene Lernfähigkeit verlieren, finanziell aus dem Ruder laufen und den Anschluss an die wirtschaftliche und soziale Entwicklung nicht mehr schaffen. Diese Fehlentwicklung ist im staatsgläubig-sozialdemokratischen Europa im vollen Gange, nur will dies in den „geschützten Werkstätten“ unserer vorwiegend direkt subventionierten Bildungsinstitutionen kaum jemand wahrnehmen und wahrhaben.“

Diese Überlegungen hat Robert Nef, der Mitbegründer des liberalen Instituts in Zürich, in seinem Artikel „Rettet die Bildung vor dem Staatsversagen“ niedergeschrieben.

Auch hierzulande wäre ein neuer Tabubruch eine überlegenswerte Alternative zum Reformkarussel. Eine wirklich tiefgreifende Reform bestünde in der Abschaffung des staatlichen Bildungsmonopols und dem Andenken eines effizienten Bildungsmarktes. Die Bereitstellung des erstrebenswerten Gutes „Bildung“ sollte dem ineffizienten staatlichen Monopol entzogen und dem überlegenen Markt übertragen werden. Immerhin werden die qualitativ besten Produkte von der Privatwirtschaft entwickelt, hergestellt und angeboten. Mit steigender staatlicher Einflussnahme entstehen oder steigen die Probleme. Verstaatlichte Wirtschaftssektoren sind in der Regel – mir sind keine Ausnahmen bekannt – ineffizient und daher gesamtwirtschaftlich schädlich. Staatliche Monopole und Zwangsveranstaltungen bestätigen diese Regel nicht nur, sie verstärken sie geradezu.

Anbieter auf diesem Bildungsmarkt wären gemeinnützige oder gewinnorientierte Vereine, Gesellschaften oder Unternehmer. Jeder würde „seine“ Schule anbieten, sein Konzept, seine Methoden und sein Programm. Anfangs an den Eltern, später zusammen mit den Schülern wäre es, das Angebot zu prüfen und dann jenes auszusuchen das ihren Anforderungen und Bedürfnissen entspricht. Eigenentscheidung gepaart mit Eigenverantwortung statt Bevormundung und Zwang.

Zum Thema “Bildungsfreiheit” siehe auch:
CK-Bildungsfreiheit braucht das Land!
JayJay-Wenn bei Wohlstandskindern die Bildung streikt
JayJay-Die Revolution findet nicht statt

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Oktober 8, 2012 - Posted by | Klassischer Liberalismus, Luxemburg | , , ,

2 Kommentare »

  1. Holà,

    Ganz kuerz…

    Guer Näischt äuszesétzen et je seconde à 100% les points de vue de M. “cah51″… tout en rajoutant: “Les statistiques parlent pour elles-mêmes (OEZD, etc. etc.)”

    D’autant plus que l’actuel environnement (…) dans lequel nous nous trouvons rend le fonctionnement de ces infrastructures de jour en jour tjrs. plus obselète…

    Niewebäi, interessant gewuer ze ginn awer och z.B.:
    “…wird jedoch das Gesetz von 1881 angesehen.”

    Déi deemooleg “Approchen/Liensën” tëscht de Gesétzer vum Jules Ferry (net de Luc Ferry!) an deenen vum Här K. … (am Kontext vun enger rénger geschichtlecher Analiis…)

    Hasta
    Pancho

    Kommentar von Pancho | Oktober 21, 2012


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