L for Liberty

…because liberty is not negotiable.

Freier Markt, Kapitalismus und Sozialismus

Sheldon Richman, der Herausgeber des Freeman und Betreiber des Blogs Free Association, hielt letzten Montag vor der FFF einen interessanten Vortrag zum Thema Kapitalismus vs. freier Markt (gefunden via Eine neue Freiheit.) In dem Vortrag macht Richman anhand historischer Beispiele vor allem klar, dass es auch in den USA nie laissez-faire gab. Zudem argumentiert er, dass viele Leute bei dem Begriff “Kapitalismus” an das heutige Mischsystem denken und dies in Diskussionen mit Kapitalismuskritikern oft zur Konfusionen führen würde, wieso er den Begriff für unbrauchbar hält und man auf ihn verzichten sollte, was eine lebendige Debatte beim LvMI auslöste.

Rein praktisch betrachtet, muss ich Richman wohl zustimmen. Wer eine Debatte um Inhalte und konkrete Ideen führen möchte, will sich nicht lange über Begriffe unnötig rumstreiten. Und die vielen Schattenseiten des heutigen Realkapitalismus (der “mixed economy”) müssen auf jeden Fall harsch angeprangert werden, völlig gleich wer von ihnen profitiert und wer darunter leidet.

Bei allem Respekt vor der intellektuellen Arbeit Kevin Carsons, den ich für einen brillianten Denker und Analytiker halte und der in der Tat zurecht regelmässig den platten “Vulgärliberalismus” attackiert (ein Liberalismus, der sich nur darauf beschränkt die Macht von Gewerkschaften eindämmen und Sozialhilfe kürzen zu wollen), so halte ich es doch für grundfalsch den noch viel verbrannteren Begriff des Sozialismus benutzen zu wollen. Bei diesem Begriff denken fast alle Leute sofort an die Verbrechen des realen Staatssozialismus, welcher Prägung auch immer. Mit Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot oder heute auch Chavez haben weder Liberale noch Libertäre irgendetwas gemeinsam. Und Spooner, Tucker oder Proudhon sind leider Namen, die selbst die wenigsten selbsternannten Linken heute überhaupt kennen. Zudem will ein freier Mensch nicht nur vom Staat nicht gegen seinen Willen bevormundet werden, sondern auch nicht von anderen gesellschaftlichen Institutionen. (F.A. von Hayek meinte mal, Sozialisten wollen zurück in den Urzustand der Sippe. Wo es noch keine Privatsphäre gab, jeder von jedem abhängig war und daher das Kollektiv notgedrungen zum Überleben zusammenstehen musste. In einer Welt ohne Rechtsstaat jedoch würde ein Rückkehr zum Tribalismus drohen und manche Libertäre wollen dies vielleicht, ob bewusst oder unbewusst, auch.)

Eine ähnliche Diskussion hatten wir übrigens schon mal auf LfL. Persönlich benutze ich eben am liebsten den Begriff “freier Markt”. Auf einem freien Markt kann es durchaus Genossenschaften, mutualistische Kooperative, Arbeiterlogen oder “freiheitlich-sozialistische” Kibbuzim geben, die friedlich neben Aktiengesellschaften in einem fairen Wettstreit koexistieren. Vielfalt ist die Stärke der Marktwirtschaft. Im Mittelpunkt stehen Freiheit, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung des Individuums, das Recht jedes Einzelnen auf sein eigenes Leben als Selbstzweck. Ein Recht, was weder der Staat, noch andere Individuen, noch Unternehmen verletzen dürfen.

Doch handelt es sich hierbei wirklich nur um eine Debatte über Begriffe oder gibt es nicht doch vielleicht auch inhaltliche Gräben? Meine Wenigkeit widerspricht den Libertären ja ohnehin bei folgenden, großen Themen: Rechtsstaat, Aussenpolitik und geistiges Eigentum.

Sozialismus muss übrigens nicht unbedingt “Verstaatlichung/Vergesellschaftung der Produktionsmittel” heissen. Dies ist die marxistische Interpretation. Ursprünglich ging es aber nur darum, der Mehrwertabschöpfung entgegenzutreten. Die Arbeiter sollten ihren vollen Lohnertrag erhalten. Zur Lösung dieses Problems gab es durchaus noch andere Vorschläge. Der Zins als Teil des Mehrwertes sollte durch ein anderes Geld- und Bankensystem gegen 0 gebracht werden (P.J.Proudhon), die Bodenrente durch Henry Georges single-tax der Allgemeinheit zufliessen (wobei er sich durchaus auf John Lockes proviso stützte). Hierauf basieren sich heute u.a. immer noch die Freiwirte (die Anhänger Silvio Gesells), die einen freien Markt ohne Geld- und Bodenmonopol wollen. (Über diesen ungewöhnlichen Umweg fand ich übrigens als Ex-Linker meinen Weg zur Freiheit.)

Wie sich die marxistische Mehrwerttheorie aber auf die falsche Arbeitswerttheorie von Smith und Ricardo basiert und insofern Unfug ist, so ist auch die gesellianische oder proudhonische insofern falsch, als dass sie a priori von einer falschen moralischen Bewertung (als “Ausbeutung”) des Kapitalzinses ausgeht. (Recht haben sie jedoch damit dass die Zinsen sich nicht marktgerecht bilden können, solange es ein Geldmonopol der Zentralbanken gibt. Dazu ein andermal mehr.)

Jedoch spricht nichts gegen eine durchaus wünschenswerte Überwindung des klassischen Lohnarbeitsverhältnisses und eine breite Streuung an Produktionsmitteleigentum. Ganz im Gegenteil. Investivlöhne (die Arbeitnehmer am Gewinn wie am Risiko des Unternehmens beteiligen) als Vorschlag von Union wie SPD gingen bereits vor Jahren in diese Richtung. Auch würde ein genuin freier Markt mehr Wettbewerb, vor allem mehr Klein- und Mittelstand und somit mehr Unternehmer- und/oder Freiberuflertum sowie mehr Unternehmensbeteiligung hervorbringen. Das wäre nicht nur erzliberal, sondern auch im Interesse vieler Linker, die ihr Heil nicht nur im Etatismus zu finden glauben. Provozierende “-ismen” können von mir aus dann auch vollends begraben werden.

Siehe auch:
Euckens Erbe: Die Sprachverwirrung im politischen Denken (I):Markt- und Zwangswirtschaft

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März 7, 2010 - Posted by | Klassischer Liberalismus, Libertarismus, Sozialismus, USA, Video, Wirtschaft | , ,

6 Kommentare »

  1. Richman plädiert wohl auch nicht dafür, den Begriff “Kapitalismus” durch “Sozialismus” zu ersetzen, sondern eben durch “Marktwirtschaft”. Richtig und wichtig finde ich aber den Impuls, kritisch über die Begriffe Kapitalismus und Sozialismus zu reflektieren. Kapitalismus ist ja ein marxistischer Begriff und eben ursprünglich überhaupt nicht gleichbedeutend mit Marktwirtschaft – der Kapitalismus hat eigentlich schon immer eine Mischwirtschaft aus Staat und Privat bezeichnet. Richman weist zu Recht darauf hin, dass ein Land, in dem die Produktionsmittel formell in privater Hand sind, noch lange keine Marktwirtschaft sein muss (s. hier z.B. auch die Kritik von Naomi Klein oder jüngst Michael Moore, die ja nicht überall falsch liegen).

    Mehr lustig finde ich eigentlich den Hinweis Richmans, dass – wenn überhaupt – die Liberalen eigentlich die “Sozialisten” seien, weil sie die Entscheidungen eben der Gesellschaft überlassen wollen, nicht dem Staat. Das Gegenteil des Liberalismus ist also nicht der Sozialismus, sondern der Etatismus. Und genau darum sind deine Positionen in Punkto Aussenpolitik oder geistiges Eigentum auch diskussionswürdig, lieber Christian ;-)

    Kommentar von Christian Hoffmann | März 7, 2010

  2. Danke für das interessante Video mit dem Vortrag von Sheldon Richman. Im Zusammenhang mit Richmans Schilderung dessen, was Marx die “ursprüngliche Akkumulation des Kapitals” genannt hat, ist vielleicht auch ein Rückgriff auf Fernand Braudel interessant, der die Geburt des Kapitalismus ab dem Spätmittelalter gerade in Unterscheidung zur Marktwirtschaft entwickelt(die ja schon seit Jahrtausenden vorher existiert hatte) und ebenfalls die aktive Rolle des Staates in diesem Prozess betont hat. Hier eine interessante Überlegung von J-M Vittori, dass nach Braudel die aktuelle Subprime-Krise gerade kein “Versagen des Marktes”, sondern vielmehr ein “Versagen des Kapitalismus” darstelle: http://www.lesechos.fr/info/analyses/4766644-la-crise-du-subprime-vue-par-fernand-braudel.htm

    @ Christian Hoffmann: Kapitalismus ist übrigens nicht ein “marxistischer Begriff”, sondern, wie auch Richman betont, schon früher von “ricardianischen Sozialisten” wie Hodgskin (einer der Gründerväter des Economist) oder in Frankreich vom Staatssozialisten Louis Blanc gebraucht worden (nach Wikipedia geht der erste Gebrauch sogar schon auf das Jahr 1753 zurück?!) – immer negativ konnotiert. Marx selber spricht fast nie vom “Kapitalismus”, sondern bevorzugt den Begriff der “kapitalistischen Produktionsform”.

    Kommentar von nestor | März 7, 2010

  3. @CH: Richman plädiert NICHT dafür “Sozialismus” zu benutzen, sondern Kevin Carson (sorry, wenn das unklar rüberkam, sollte sich aber aus den verlinkten Seiten ergeben). Und das halte ich eben für grundfalsch. Punkto Substitution durch Marktwirtschaft stimme ich Richman jedoch vollkommen zu. Ebenso seinen Ausführungen zu formellem Eigentum (etwas was viele Linke ja leider nie begreifen werden, wenn es um das Dritte Reich geht.)

    “Mehr lustig finde ich eigentlich den Hinweis Richmans, dass – wenn überhaupt – die Liberalen eigentlich die “Sozialisten” seien, weil sie die Entscheidungen eben der Gesellschaft überlassen wollen, nicht dem Staat.”

    Liberale wollen die Entscheidung dem Einzelnen bzw. den (betroffenen) Individuen überlassen, nicht einer ominösen Gesellschaft. (Nicht-staatliche) gesellschaftliche Institutionen können(!) genauso oder sogar noch schlimmer repressiv sein wie ein Staat. Bspw. eine patriarchalisch organisierte Familie, wo das Oberhaupt seine Frau und seine Kinder tyrannisch unterjocht. Oder ein Unternehmen seine Angestellten ausspioniert. Hier mag es dann sogar von Segen sein, wenn der Staat als Beschützer der Schwachen eingreift. Statt also nur plump zwischen “Staat” und “Gesellschaft” zu unterscheiden, sollte man lieber zwischen “Gewalt/Repression” und “Freiheit” unterscheiden. Aber es ist nichts Neues, dass manche Libertäre (wie Sozialisten) staatenlose Gesellschaften ahistorisch glorifizieren.

    Punkto Aussenpolitik gilt für mich genau dieses (obige) Prinzip ebenfalls.

    Und punkto geistiges Eigentum kennst Du meine Position gar nicht, CH. Ich halte nämlich die heutige Implementierung an vielen Stellen für äusserst problematisch und bin gegen vieles, was im Namen dieser Eigentumsform geschieht, aber ich bin eben auch nicht per se komplett gegen geistiges Eigentum. Es muss klar definiert sein. Urheberrecht und Markenrecht sind jedenfalls absolut legitim, Patentrecht insoweit es um Erfindungen geht und nicht um Entdeckungen. (Aber dieses Thema sollten wir hier mal weglassen, sondern ontopic bleiben. Also ggf. bitte nur auf die obigen Abschnitte meiner Antwort eingehen.)

    Kommentar von CK | März 7, 2010

  4. Und hier noch ein älterer französischer Text zum gleichen Thema, bei Alternative Libérale: http://www.alternative-liberale.fr/articles/060906_cdajaccio_liberalisme_contre_capitalisme.htm

    Kommentar von nestor | März 21, 2010

  5. Die Debatte geht weiter: http://newkindofmind.blogspot.com/2010/03/oh-capitalism-what-art-though.html#more

    Kommentar von nestor | März 28, 2010


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